Liedvorstellung:

                               

Jeden Advent hören wir uns folgende Audiocassette an:

„Singet“ – Advent und Weihnachten im Lied – Laudate – ( C 1983 Hänssler-Verlag), u. zw. das Lied

„Ich steh’ an Deiner Krippen hier“ Choralvorspiel von Erich Hübner; Sätze von J. S. Bach und Erich Hübner. (Herrliche Vertonung!) Die Verse 1, 2, 8 und 9 werden auf dieser Cassette gesungen. Ich werde noch die Verse 3 und 4 dazwischen veröffentlichen.

Liedkommentar: D. Dr. Johannes Hanselmann D. D. bayerischer Landesbischof i. R. und  ehemaliger Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB); er verstarb 72-jährig am 2.10.1999 in Rotthalmünster.

   Ein sehr zu Herzen gehender Kommentar! Jedes Jahr von neuem werden wir von dieser Ansprache von J. Hanselmann beeindruckt.

    Aus seinem letzten Dezember-Rundbrief (12.1998) möchte ich ihn zitieren: "Weihnachten, du Fest des Friedens, mache Schluss mit allem Streit, Weihnachten, du Fest des Friedens, schenk' uns eine neue Zeit, lass' die andern uns ertragen und mit ihnen Frieden wagen, schenk' uns eine neue Zeit!" So heißt es in einem neuen Kindermusical, das unlängst zu diesem Fest herausgekommen ist. ...

    ... Mir ist dabei aufgefallen, dass hier nicht geklagt oder gar angeklagt, sondern versucht wird, zu beten, zu hoffen und zu lieben. Man muss das bedachtsam und still vor sich hinsagen: zueinander, aneinander, miteinander. Dabei erschließt sich einem das ganze wunderbare Geschehen der Heiligen Nacht: Gott gibt sich mit diesem Christuskind so unmittelbar und so total in unsere Welt, in unser Leben hinein, dass sich dadurch fast wie von selbst etwas verändern muss - unser Zueinander, unser Aneinander, unser Miteinander im Blick auf Gott und die Menschen."

Hier nun der Text des Weihnachtsliedes von Paul Gerhardt, das er 1653 gedichtet hat.

     Vers 1:

     Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut,
nimm alles hin und lass dir’s wohlgefallen.

     Vers 2:

     Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon
bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.

     Vers 3:

     Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’,
wie schön sind deine Strahlen!

     Vers 4:

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!

     Vers 8:

Du fragest nicht nach Lust der Welt noch nach des Leibes Freuden;
du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden
suchst meiner Seele Herrlichkeit durch Elend und Armseligkeit;
das will ich dir nicht wehren.

     Vers 9:

Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen:
dass ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen.
So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege
bei mir ein dich und all deine Freuden.


Herr J. Hanselmann berichtet auf der Cassette von Paul Gerhardts (1607-1676) Leben, der auch viele "Todesnächte" erlebt hat: Mit 14 Jahren verliert er seine Mutter. 1668 nach nur 13jähriger Ehe stirbt seine Frau und vier von fünf Kindern verliert er ebenfalls durch den Tod. Da er Luthers Lehre treu bleibt, wurde er sogar seines Amtes enthoben. Außerdem wird sein Lebenslauf vom 30jährigen Krieg und dessen Nachwirkungen überschattet.
Er hat 134 deutsche Lieder geschrieben, von denen man 30 im Stammteil des Evangelischen Kirchengesangbuches wiederfinden kann (Luther ist mit 31 Liedern vertreten). Paul Gerhardts „Sommergesang“ ist das bekannte Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. „Nun ruhen alles Wälder“ ist ein Abendlied von ihm.
Auch ein sehr schönes Adventslied ist: „Wie soll ich dich empfangen“ (nach 1. Johannes 4, Vers 9).
„Im Mittelpunkt seines Dichtens steht das Vertrauenslied auf die Führung und Fürsorge Gottes. Paul Gerhardt spricht in seinen Liedern meist im Ton des persönlichen Erlebens, wobei als Quelle – insbesondere für seine zahlreichen Psalmnachdichtungen (Querverweis: z.B. „Befiehl du deine Wege“ nach Psalm 37,5)
 – oft das biblische Wort lutherischer Sprachpägung zugrundeliegt.“ Zit. Herbert Lölkes in "Paul Gerhardt" Verlag der St.-Johannis-Druckerei C.Schweickhardt Lahr-Dinglingen, 1989.


 

Blockkrippe aus Teneriffa

 

 

        Ein Prosatext zu Weihnachten von Walter Tlach

                  

   aus: „… und Friede auf Erden“ – Gedanken zu Weihnachten – v. Winrich Scheffbuch

                   C 1995 by Hänssler-Verlag, Neuhausen/Stuttgart – 4. Auflage 1996

 

                         Vor Liebe nicht ausgehalten

 

In der Nähe des Ossiacher Sees im sonnigen Land Kärnten in Österreich stand vor über hundert Jahren ein stattliches Schloss, mit Feldern und Wäldern. Das Schloss steht zwar auch heute noch, aber es wird nicht mehr als Schloss benutzt.

Vor 100 Jahren aber wohnte in den großen, weiten Räumen dieses Schlosses die junge Gräfin de la Tour mit ihrem Mann, aus altem Reichsadel. In einem Brief aus jener Zeit schrieb sie an einen Verwandten: „Ich werde es nicht aushalten!“

Wie meinte sie das? Sie sah um sich am Ossiacher See das Elend von verstoßenen Waisenkindern. Es waren verjagte Kinder von Bauernmägden, die bettelten. Und dann sah die Gräfin ihr schönes Schloss und ihren vornehmen Luxus.

Und so geriet sie in eine Spannung: „Ich werde es nicht aushalten!“  Nämlich die Spannung zwischen ihrem Schloss und dem Kinderelend. Und weil sie es nicht aushielt, ließ sie kurz darauf ihr Schloss umbauen und machte daraus ein Kinderheim.

 

Ich bin vor einigen Jahren einem Mann begegnet, der mir sagte: „Wenn mich die Gräfin de la Tour nicht als Kind in ihr Schloss aufgenommen hätte, wäre ich verkommen.“

 

„Ich werde es nicht aushalten!“ Das war der Anstoß für dieses große Werk der Gräfin de la Tour, das heute noch besteht, groß ausgebaut, und Alten und Kindern dient.

 

„Ich werde es nicht aushalten!“ Das steht auch, nein, noch viel mehr über der Weihnachtsgeschichte. Wer hat es nicht ausgehalten? Der heilige Gott hat es nicht ausgehalten, dass wir ohne ihn in Schuld und Tod enden. Weil er es nicht ausgehalten hat, ohne uns zu sein, ist sein ewiger Sohn ein Mensch geworden – unser Bruder, unser Freund, der uns hält und für uns kämpft.


Gedichtvorstellung:

 

Josef Freiherr v. Eichendorff  Gedichte. In chronologischer Folge
                            Insel, Frankfurt a. Main 1988 TB ISBN 3458327606  EUR    7,62  
                            

  Es gibt auch wesentlich teurere geb.  Ausgaben, die sind  dann mit Kommentar.

                           
 

 "Weihnachten"                                         

 
    Markt und Strassen stehn verlassen,
    still erleuchtet jedes Haus.
    Sinnend geh ich durch die Gassen,
    alles sieht so festlich aus.
 
    An den Fenstern haben Frauen
    buntes Spielzeug fromm geschmückt;
    tausend Kindlein stehn und schauen,
    sind so wunderstill beglückt.
 
    Und ich wandre aus den Mauern
    bis hinaus ins freie Feld,
    hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
    Wie so weit und still die Welt!
 
    Sterne hoch die Kreise schlingen;
    aus des Schnees Einsamkeit
    steigt's wie wunderbares Singen --- :
    O du gnadenreiche Zeit!
 
Dieses Gedicht hat mir meine Mutter im letzten Kriege "aufgesagt" oder gesungen, ich weiß es nicht mehr genau, als ich an ihrer Hand durch das nächtliche Göttingen ging. Wir kamen aus dem brennenden Hannover, wo wir gerade im Winter l943 unsere Wohnung verloren hatten. Die in Göttingen wohnende Großmutter sah sich leider nicht in der Lage, uns aufzunehmen. Zu diesem Zustand nach dieser Mitteilung passte das Gedicht insofern, als wir traurig und ratlos (es fuhren keine Züge mehr) durch die Altstadt von Göttingen gingen. Wir fanden dann Unterschlupf bei der ebenfalls ausgebombten Hebamme, die mithalf, mich Wonneproppen auf die Welt zu bringen, und  die, was noch besser war,  ein Zimmer irgendwo in der Umgebung von Kassel ergattert hatte. Ich weiß noch, wie wir im Freien  die  "Tannenbäume"  am nächtlichen Himmel über dem entfernt liegenden Kassel sahen, was in etwa dem 3. und auch 4.  Vers des Gedichtes "gleichkommt".  Ich habe dieses Gedicht nie mehr vergessen.  

 

Ich hoffe, man kann ein Gedicht auch auf diese Art einmal vorstellen; wie gesagt : mit den Regeln der Germanistik hat dieses nichts zu tun.
 
 

Gedichtvorstellung:

 

    Hier " noch ein Gedicht " aber aus der Neuzeit

        Erich Kästner " Der Dezember "

 

Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man's versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
"Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht."   


 

Erich Kästner
 

 

    

 

 

Nun kommt noch ein humorvolles Weihnachts-Gedicht von James Krüss :

 

 

 

 

Die Weihnachtsmaus

von James Krüss

 

Die Weihnachtsmaus ist sonderbar

(sogar für die Gelehrten),

denn einmal nur im ganzen Jahr

entdeckt man ihre Fährten.

 

Mit Fallen oder Rattengift

kann man die Maus nicht fangen.

Sie ist, was diesen Punkt betrifft,

noch nie ins Garn gegangen.

 

Das ganze Jahr macht diese Maus

den Menschen keine Plage.

Doch plötzlich aus dem Loch heraus

kriecht sie am Weihnachtstage.

 

Zum Beispiel war vom Festgebäck,

das Mutter gut verborgen,

mit einem Mal das Beste weg

am ersten Weihnachtsmorgen.

 

Da sagte jeder rundheraus:

"Ich hab es nicht genommen!

Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,

die über Nacht gekommen."

 

Ein andres Mal verschwand sogar

das Marzipan von Peter,

was seltsam und erstaunlich war,

denn niemand fand es später.

 

Der Christian rief rundheraus:

"Ich hab es nicht genommen!

Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,

die über Nacht gekommen!"

 

Ein drittes Mal verschwand vom Baum,

an dem die Kugeln hingen,

ein Weihnachtsmann aus Eierschaum

nebst andern leckren Dingen.

 

Die Nelly sagte rundheraus:

"Ich hab es nicht genommen!

Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,

die über Nacht gekommen."

 

Und Ernst und Hans und der Papa,

die riefen: "Welche Plage!

Die böse Maus ist wieder da,

und just am Feiertage!"

 

Nur Mutter sprach kein Klagewort.

Sie sagte unumwunden:

"Sind erst die Süßigkeiten fort,

ist auch die Maus verschwunden!"

 

Und wirklich wahr:

die Maus blieb weg, sobald der Baum geleert war,

sobald das letzte Festgebäck

gegessen und verzehrt war.

 

Sagt jemand nun, bei ihm zu Haus -

bei Fränzchen oder Lieschen -

da gäb' es keine Weihnachtsmaus,

dann zweifle ich ein bisschen!

 

Doch sag ich nichts, was jemand kränkt!

Das könnte euch so passen!

Was man von Weihnachtsmäusen denkt,

bleibt jedem überlassen!

 

James Krüss

 

 

 

Vorstellung einer Geschichte :

 

O.Henry  Gebundene Ausgabe  -  Pattloch Verlag, Ausgsburg 2000, ISBN 3629004865  -   EUR 12,73
 

O. Henry (1862-1910) ist ein Pseudonym für William Sydney Porter, US-amerikanischer Kurzgeschichtenschreiber; besonders die Darstellung, oft auf humorvolle Art, des Großstadtlebens machten ihn bekannt.

Ich konnte  Bekenntnisse eines Humoristen   Ausgewählte Kurzgeschichten  -  Insel-Bücherei Nr. 641, 1979  Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig antiquarisch erstehen; die Auswahl traf Günter Gentsch. 
Man wird von O. Henry sehr gut unterhalten und das Schmunzeln kommt auch nicht zu kurz.

 

Die Gabe der Weisen oder Die schönste Liebesgeschichte der Welt

von O. Henry

Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon ja Pennies. Stück für Stück ersparte Pennies, wenn man hin und wieder den Kaufmann, Gemüsemann oder Fleischer beschwatzt hatte, bis einem die Wangen brannten im stillen Vorwurf der Knauserei, die solch ein Herumfeilschen mit sich brachte. Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten. Da blieb einem nichts anderes, als sich auf die schäbige kleine Chaise zu werfen und zu heulen. Das tat Della. Was zu der moralischen Betrachtung reizt, das Leben bestehe aus Schluchzen, Schniefen und Lächeln, vor allem aus Schniefen.


Während die Dame des Hauses allmählich von dem ersten Zustand in den zweiten übergeht, werfen wir einen Blick auf das Heim. Eine möblierte Wohnung für acht Dollar die Woche. Sie war nicht gerade bettelhaft zu nennen; höchstens für jene Polizisten, die speziell auf Bettler gehetzt wurden. Unten im Hausflur war ein Briefkasten, in den nie ein Brief fiel, und ein Klingelknopf, dem keines Sterblichen Finger je ein Klingelzeichen entlocken konnte. Dazu gehörte auch eine Karte, die den Namen "Mr. James Dillingham jr." trug. Das "Dillingham" war in einer früheren Zeit der Wohlhabenheit, als der Eigentümer dreißig Dollar die Woche verdiente, hingepfeffert worden. Jetzt, da das Einkommen auf zwanzig Dollar zusammengeschrumpft war, wirkten die Buchstaben des "Dillingham" verschwommen, als trügen sie sich allen Ernstes mit dem Gedanken, sich zu einem bescheidenen und anspruchslosen D zusammenzuziehen. Aber wenn Mr. James Dillingham jr. nach Hause und oben in seine Wohnung kam, wurde er "Jim" gerufen und von Mrs. James Dillingham jr., die bereits als Della vorgestellt wurde, herzlich umarmt. Was alles sehr schön ist.


Della hörte auf zu weinen und fuhr mit der Puderquaste über ihre Wangen. Sie stand am Fenster und blickte trübselig hinaus auf eine graue Katze, die auf einem grauen Zaun in einem grauen Hinterhof spazierte. Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Monatelang hatte sie jeden Penny gespart, wo sie nur konnte, und dies war das Resultat. Zwanzig Dollar die Woche reichte nicht weit. Die Ausgaben waren größer gewesen, als sie gerechnet hatte. Das ist immer so. Nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Für ihren Jim. So manche glückliche Stunde hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas Schönes, Seltenes, Gediegenes - etwas, was annähernd der Ehre würdig war, Jim zu gehören. Zwischen den Fenstern stand ein Trumeau. Vielleicht haben Sie schon einmal einen Trumeau in einer möblierten Wohnung zu acht Dollar gesehen. Ein sehr dünner und beweglicher Mensch kann, indem er sein Spiegelbild in einer raschen Folge von Längsstreifen betrachtet, eine ziemlich genaue Vorstellung von seinem Aussehen erhalten. Della war eine schlanke Person und beherrschte diese Kunst.


Plötzlich wirbelte sie von dem Fenster fort und stand vor dem Spiegel. Ihre Augen glänzten und funkelten, aber ihr Gesicht hatte in zwanzig Sekunden die Farbe verloren. Flink löste sie ihr Haar und ließ es in voller Länge herabfallen. Zwei Dinge besaßen die James Dillinghams jr., auf die sie beide unheimlich stolz waren. Das eine war Jims goldene Uhr, die seinem Vater und davor seinem Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte die Königin von Saba in der Wohnung jenseits des Luftschachts gelebt, dann hätte Della eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, um Ihrer Majestät Juwelen und Vorzüge im Wert herabzusetzen. Wäre König Salomo der Portier gewesen und hätte all seine Schätze im Erdgeschoss aufgehäuft, Jim hätte jedes mal seine Uhr gezückt, wenn er vorbeigegangen wäre, bloß um zu sehen, wie sich der andere vor Neid den Bart raufte. Jetzt floss also Dellas Haar wellig und glänzend an ihr herab wie ein brauner Wasserfall. Es reichte bis unter die Kniekehlen und umhüllte sie wie ein Gewand. Nervös und hastig steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick taumelte sie und stand ganz still, während ein paar Tränen auf den abgetretenen Teppich fielen.


Die alte braune Jacke angezogen, den alten braunen Hut aufgesetzt, und mit wehenden Röcken und immer noch das helle Funkeln in den Augen, schoss sie zur Tür hinaus und lief die Treppe hinab auf die Straße. Wo sie stehen blieb, lautete das Firmenschild Mme. Sofronie. Alle Sorten Haarersatz. Della rannte die Treppe hinauf und versuchte atemschöpfend, sich zu sammeln.

Madame, groß, zu weiß und frostig, sah kaum nach "Sofronie" aus.
"Wollen Sie mein Haar kaufen?" fragte Della.
"Ich kaufe Haar", sagte Madame. "Nehmen Sie den Hut ab, damit wir es einmal ansehen können."
Der braune Wasserfall stürzte in Wellen herab.
"Zwanzig Dollar", sagte Madame, mit kundiger Hand die Masse anhebend.
"Geben Sie nur schnell her", sagte Della.
Oh, und die nächsten beiden Stunden trippelten auf rosigen Schwingen. Nehmen Sie es nicht so genau mit der zerhackten Metapher. Sie durchwühlte die Läden nach dem Geschenk für Jim. Schließlich fand sie es. Bestimmt war es für Jim und für niemand sonst gemacht. Keins gab es in den Läden, das diesem glich, und sie hatte in allen das Oberste zuunterst gekehrt. Es war eine Uhrkette aus Platin, einfach und edel im Dessin, die ihren Wert auf angemessene Weise durch das Material und nicht durch eine auf den Schein berechnete Verzierung offenbarte - wie es bei allen guten Dingen sein sollte. Sie war sogar der Uhr würdig. Kaum hatte sie die Kette erblickt, als sie auch schon wusste, dass sie Jim gehören müsse. Sie war wie er. Überlegene Ruhe und Wert - das passte auf beide. Einundzwanzig Dollar nahm man ihr dafür ab, und mit den siebenundachtzig Cent eilte sie nach Hause. Mit dieser Kette an der Uhr konnte Jim wirklich in jeder Gesellschaft um die Zeit besorgt sein. So großartig die Uhr war, manchmal blickte er wegen des alten Lederriemchens, das er an Stelle einer Kette benutzte, nur verstohlen nach ihr.


Als Della zu Hause angelangt war, wich ihr Rausch ein wenig der Vorsicht und der Vernunft. Sie holte ihre Brennschere heraus, zündete das Gas an und machte sich ans Werk, die Verheerungen auszubessern, die von Freigebigkeit in Verein mit Liebe angerichtet worden waren. Was stets eine gewaltige Aufgabe ist, liebe Freunde - eine Mammutaufgabe. Nach vierzig Minuten war ihr Kopf dicht mit kleinen Löckchen bedeckt, mit denen sie wundervoll aussah, wie ein schwänzender Schuljunge. Lange, sorgfältig und kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild.

"Wenn mich Jim nicht umbringt, bevor er mich ein zweites Mal ansieht, wird er sagen, ich sehe aus wie ein Chormädel von Coney Island", meinte sie bei sich. "Aber was - oh, was hätte ich denn mit einem Dollar siebenundachtzig anfangen sollen?"
Um sieben war der Kaffee gekocht, und die Bratpfanne stand hinten auf der Kochmaschine, heiß und bereit, die Kotelette zu braten.
Jim verspätete sich nie. Della ließ die Uhrkette in ihrer Hand verschwinden und setzte sich auf die Tischkante nahe der Tür, durch die er immer eintrat. Dann hörte sie seinen Schritt auf der Treppe, unten, auf den ersten Stufen, und wurde einen Augenblick blass. Sie hatte sich angewöhnt, wegen der einfachsten Alltäglichkeit stille kleine Gebete zu murmeln, und jetzt flüsterte sie "Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich noch hübsch findet."


Die Tür öffnete sich, Jim trat ein und schloss sie. Er sah mager und sehr feierlich aus. Armer Junge, er war erst zweiundzwanzig - und schon mit Familie belastet! Er brauchte einen neuen Mantel und hatte auch keine Handschuhe. Jim blieb an der Tür stehen, reglos wie ein Vorstehhund, der eine Wachtel ausgemacht hat Seine Augen waren auf Della geheftet, und ein Ausdruck lag in ihnen, den sie nicht zu deuten vermochte und der sie erschreckte. Es war weder Ärger noch Verwunderung, weder Missbilligung noch Abneigung, noch überhaupt eins der Gefühle, auf die sie sich gefasst gemacht hatte. Er starrte sie nur unverwandt an mit diesem eigentümlichen Gesichtsausdruck.

Della rutschte langsam vom Tisch und ging zu ihm.
"Jim, Liebster", rief sie, "sieh mich nicht so an. Ich hab' mein Haar abschneiden lassen und verkauft, weil ich Weihnachten ohne ein Geschenk für dich nicht überlebt hätte. Es wird wieder wachsen - du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell. Sag mir fröhliche Weihnachten, Jim, und lass uns glücklich sein. Du ahnst nicht, was für ein hübsches, was für ein schönes, wunderschönes Geschenk ich für dich bekommen habe."


"Du hast dein Haar abgeschnitten?" fragte Jim mühsam, als könne er selbst nach schwerster geistiger Arbeit nicht an den Punkt gelangen, diese offenkundige Tatsache zu begreifen.
"Abgeschnitten und verkauft", sagte Della. "Hast du mich jetzt nicht noch ebenso lieb? Ich bin auch ohne mein Haar noch dieselbe, nicht wahr?"
Jim blickte neugierig im Zimmer umher.
"Du sagst, dein Haar ist weg?" bemerkte er mit nahezu idiotischem Gesichtsausdruck.
"Du brauchst nicht danach zu suchen", sagte Della. "Ich sag' dir doch, es ist verkauft - verkauft und weg. Heute ist Heiligabend, Jungchen. Sei nett zu mir, denn es ist ja für dich weg. Vielleicht waren die Haare auf meinem Kopf gezählt", fuhr sie mit einer jähen, feierlichen Zärtlichkeit fort, "aber nie könnte jemand meine Liebe zu dir zählen. Soll ich die Kotelette aufsetzen, Jim?"


Jim schien im Nu aus seiner Starrheit zu erwachen. Er umarmte seine Della. Wir wollen inzwischen mit diskreten Forscherblicken zehn Sekunden lang eine an sich unwichtige Sache in anderer Richtung betrachten. Acht Dollar die Woche oder eine Million im Jahr - was ist der Unterschied? Ein Mathematiker oder ein Witzbold würden uns eine falsche Antwort geben. Die Weisen brachten wertvolle Geschenke, aber dies war nicht darunter. Diese dunkle Behauptung soll später erläutert werden. Jim zog ein Päckchen aus der Manteltasche und warf es auf den Tisch.


"Täusch dich nicht über mich, Dell", sagte er. "Du darfst nicht glauben, dass es etwas wie Haare schneiden oder stutzen oder waschen mich dahin bringen könnte, mein Mädchen weniger lieb zu haben. Aber wenn du das Päckchen auspackst, wirst du sehen, warum du mich zuerst eine Weile aus der Fassung gebracht hast."


Weiße Finger rissen hurtig an der Strippe und am Papier. Und dann ein verzückter Freudenschrei, und dann - ach! - ein schnelles weibliches Hinüberwechseln zu hysterischen Tränen und Klagen, die dem Herrn des Hauses den umgehenden Einsatz aller Trostmöglichkeiten abforderten.
Denn da lagen die Kämme - die Garnitur Kämme, die Della seit langem in einem Broadway-Schaufenster angeschmachtet hatte. Wunderschöne Kämme, echt Schildpatt mit Juwelen verzierten Rändern - gerade in der Schattierung, die zu dem schönen, verschwundenen Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte nach ihnen gebettelt und gebarmt, ohne die leiseste Hoffnung, sie je zu besitzen. Und nun waren sie ihr eigen; aber die Flechten, die der ersehnte Schmuck hätte zieren sollen, waren fort. Doch sie presste sie zärtlich an die Brust und war schließlich so weit, dass sie mit schwimmenden Augen und einem Lächeln aufblicken und sagen konnte:
"Mein Haar wächst so schnell, Jim!"
Und dann sprang Della auf wie ein gebranntes Kätzchen und rief: "Oh, oh!"
Jim hatte ja noch nicht sein schönes Geschenk gesehen. Ungestüm hielt sie es ihm auf der geöffneten Hand entgegen. Das leblose, kostbare Metall schien im Abglanz ihres strahlenden, brennenden Eifers zu blitzen.
"Ist die nicht toll, Jim? Die ganze Stadt hab' ich danach abgejagt. Jetzt musst du hundertmal am Tag nachsehen, wie spät es ist. Gib mir die Uhr. Ich möchte sehen, wie sich die Kette dazu macht."


Statt zu gehorchen, ließ er sich auf die Chaiselongue fallen, legte die Hände im Nacken zusammen und lächelte.
"Dell", sagte er, "wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke beiseite legen und eine Weile aufheben. Sie sind zu hübsch, um sie jetzt schon in Gebrauch zu nehmen. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für die Kämme zu haben. Wie wäre es, wenn du die Kotelette braten würdest?"


Die Weisen waren, wie ihr wisst, weise Männer - wunderbar weise Männer -, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie haben die Kunst erfunden, Weihnachtsgeschenke zu machen. Da sie weise waren, waren natürlich auch ihre Geschenke weise und hatten vielleicht den Vorzug, umgetauscht werden zu können, falls es Dubletten gab. Und hier habe ich euch nun schlecht und recht die ereignislose Geschichte von zwei törichten Kindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die höchst unweise die größten Schätze ihres Hauses füreinander opferten. Doch mit einem letzten Wort sei den heutigen Weisen gesagt, dass diese beiden die weisesten aller Schenkenden waren. Von allen, die Geschenke geben und empfangen, sind sie die weisesten. Überall sind sie die weisesten. Sie sind die wahren Weisen.

 

Vorstellung zweier Gedichte:

Lothar Zenetti  "Advent"  und  "Bekümmertes Weihnachtslied"  aus  Die wunderbare Zeitvermehrung   Verlag J. Pfeiffer, München 1979, 3. Auflage 1987
ISBN  3790403083  Preis unbekannt, habe das Buch antiquarisch erworben.
                  

 

 
         A D V E N T             
 
Joh. 1,9  "...da kam das wahre Licht  ...  "             
 
     Wir kommen nicht weiter.
     Alles tritt auf der Stelle,
     ratlos. Immerhin:
     Man schafft neue Stellen.
     Stellt neue Kräfte ein.
     Man ergreift Maßnahmen.
     Noch ist nicht aller
     Tage Abend, noch nicht.
     Maßnahmen also,
     aber ohne Maß, maßlos mithin,
     mäßig die Beteiligung,
     maßlose Enttäuschung,
     von Masse keine Spur.
 
     Beratungen hinter
     verschlossenen Türen.
     Einstimmiger Beschluss,
     dass man schließt,
     dass Schluss ist.
     Feuer einstellen,
     Bemühungen einstellen.
     Bevor ihn die Hunde beißen,
     macht der letzte das Licht aus.
     Doch siehe,
     da kommt einer, kommt herein
     und zündet das Licht an und sagt:
     Neueröffnung! 
 
                            

 

  B E K Ü M M E R T E S     W E I H N A C H T S L I E D

 
 
Lukas 2,8-14 
 
 
   "Wo bist du, Gott, du großer Stern,
     den die Gebete nennen?
     Du warst doch nah und bis so fern
     und lässt dich nicht erkennen.
 
     Die Augen nehmen dich nicht wahr,
     wir gehen wie die Blinden
     und suchen, wo dein Bild einst war,
     und können dich nicht finden.
 
     Wir hören deine Stimme nicht
     im Lärmen der Motoren.
     Lass'  leuchten, Herr, dein Angesicht,
     sonst gehen wir verloren.
 
     Der Himmel über uns ist leer
     und nirgends Engelheere.
     Wo nehmen wir den Frieden her?
     Wir haben nur Gewehre.
    
      Weiß einer noch, wo Hirten sind,
     die wachen bei den Herden?
     Zeig uns den Stall, zeig uns das Kind,
     dass wir gerettet werden."

 

 

Lothar Zenetti wurde 1926 in Frankfurt am Main geboren. Von 1962 bis 1969 Frankfurter Stadtjugendparrer. Er kam dann in die Gemeinde St. Wendel in Frankfurt/M. und wurde danach Dekan des Dekanates Franfurt-Süd. Seit 1982 katholischer Beauftragter für den Hörfunk beim Hessischen Rundfunk. Er hat viele Bücher geschrieben und auch Liedtexte veröffentlicht.
 
Mir sagen seine Texte sehr viel, auch seine Prosa-Texte im o. g. Buch, es sind Variationen zum Evangelium, die oft verblüffen und viel mit unserem Leben zu tun haben; sie können einem helfen, den Alltag zu bestehen.
 
 
Ich wünsche eine erhellende Adventszeit, die wir in der jetzt herrschenden Dunkelheit gut gebrauchen können.